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Rentensystem: Der deutsche Sozialstaat - Vom Fluch der guten Tat

Damit mehr Kinder geboren werden, muss das Rentensystem umgebaut werden. Meint Hans-Werner Sinn, Präsident des Münchener ifo-Instituts, im neuen »ifo-Standpunkt«.

Deutscher Ökonomieprofessor und ehemaliger Ifo-Chef Hans-Werner Sinn

Der deutsche Sozialstaat - Vom Fluch der guten Tat
München, 03.04.2006 (ifo) - Hans-Werner Sinn, Präsident des Münchener ifo-Instituts, äußert sich im neuen »ifo-Standpunkt« zur demographischen Entwicklung in Deutschland und deren Auswirkungen auf das Rentensystem. Wir geben den Artikel im Wortlaut wieder:

Deutschland hat den Sozialstaat erfunden, und es spürt dessen Rückwirkungen auf das Verhalten seiner Bürger stärker als andere Länder. Dass Deutschland mit nur 8,7 Neugeborenen pro tausend Einwohnern auf dem allerletzten Platz der OECD-Statistik liegt, hat sicherlich auch mit dem deutschen Rentensystem zu tun, das die ökonomischen Gründe für den Kinderwunsch eliminiert hat. Der Fluch der guten Tat lastet schwer auf dem Land. Früher kamen Kinder aus drei Gründen zur Welt:

Die Medizin hat die Kinder vom Sex abgekoppelt, und Bismarcks Rentensystem nebst seiner Ausweitung durch Adenauer hat das Vorsorgemotiv beseitigt. Übrig blieb die Kinderliebe. Offenbar reicht sie zum Erhalt der Bevölkerung nicht aus. Wegen Bismarck und Adenauer schrumpft das deutsche Volk heute schneller als jedes andere entwickelte Volk dieser Erde.

Deutschland braucht seinen Sozialstaat nicht abzuschaffen, aber es muss ihn umbauen. Je energischer und rascher es das tut, desto schmerzloser werden die Korrekturen vonstatten gehen. Ohne Korrekturen wäre das Siechtum gewiss. Den Frauen muss die Vereinbarkeit von Familie und Beruf erleichtert werden. Flächendeckende freie Kinderkrippen und Ganztagsschulen werden einiges bewirken. Das Elterngeld hilft auch. Hinzu könnte das französische Kinder-Splitting bei der Einkommensteuer treten, das die Steuerersparnis mit der Kinderzahl steigen lässt. Dann bekämen auch die Akademikerinnen wieder mehr Kinder.

Noch wichtiger ist eine Reform des Rentensystems. Unser heutiges System gaukelt den Menschen vor, sie bekämen schon deshalb eine Rente, weil sie Beiträge zahlen. Dabei fließen die Beiträge in Wahrheit an die Generation der eigenen Eltern. Wenn man selbst eine Rente braucht, sind die Eltern tot. Sie können nichts mehr zurückzahlen. Nur Kinder oder Ersparnisse sichern Renten. Eine Generation, die nicht spart und keine Kinder hat, muss im Alter hungern. Daran kann keine Rentenformel etwas ändern.

Das deutsche Rentensystem vergemeinschaftet die Schaffenskraft der Kinder. Das Geld, das die erwachsenen Kinder zur Ernährung ihrer Eltern aufbringen können, fließt in einen großen Topf und wird auch an die kinderlosen Alten verteilt. Wie viel Rente jeder bekommt, hängt fast nur davon ab, wie viel man der Generation der eigenen Eltern gegeben hat, und kaum davon, wie viel man selbst auf dem Wege der Kindererziehung beigesteuert hat. Die Vergemeinschaftung der Kinder kann man im Sinne einer Versicherung gegen Kinderlosigkeit rechtfertigen. Auch wer selbst keine Kinder bekommen kann, muss nicht hungern, weil ihn die Kinder der Nachbarn miternähren. Eine solche Versicherung ist eine prinzipiell sinnvolle Erfindung der Gesellschaft. Doch ist eine Vollkaskoversicherung mit einer Vollkaskomentalität entstanden.

Rechnet man alle Leistungen zusammen, die ein Kind im Laufe seines Lebens in Form von Steuer- und Beitragszahlungen für den Staat erbringt, und subtrahiert man alle staatlichen Ausgaben für Familien, so verbleibt dem Staat pro Kind ein Nettovorteil von immer noch 80.000 Euro. In dieser Höhe legt der Staat jedem Kind einen Schuldschein in die Wiege. Kein Wunder, dass den Paaren die Lust am Kinderkriegen vergangen ist. Um den Grad der Sozialisierung der Kinder wenigstens ein bisschen zu begrenzen und die ökonomische Wirklichkeit im Rentensystem besser abzubilden, könnte man die Beitragssätze und anteiligen Bundeszuschüsse auf dem heutigen Niveau einfrieren. Das sich so ergebende Rentenniveau würde man durch eine Kombination aus Riester-Rente und Kinderrente aufstocken. So hat es die Robert-Bosch-Kommission kürzlich in ihrem Gutachten zur demografischen Krise empfohlen. Die gesetzliche Rente bleibt bei diesem Vorschlag erhalten, doch tritt ein neues Rentensystem hinzu.

Wer ins Arbeitsleben eintritt, muss acht Prozent seines Bruttoeinkommens nach dem Muster der Riester-Rente sparen, um die Gesamtrente trotz der Krise zu stabilisieren. Wenn das erste Kind geboren wird, wird ein Drittel der laufenden Pflichtersparnis erlassen. Außerdem wird ein Drittel der schon angesammelten Ersparnisse frei. Beim zweiten und dritten Kind wird analog verfahren, bis keine Riester-Beiträge mehr fällig werden und das Riester-Kapital ausgezahlt ist. Den jungen Familien steht die Liquidität genau dann zur Verfügung, wenn sie für die Erziehung ihrer Kinder gebraucht wird. Die für Eltern wegfallende Riester-Rente wird durch die Kinderrente kompensiert. Die Kinderrente ist eine steuerfinanzierte Zusatzrente, die unabhängig von der eigenen Berufstätigkeit auf der Basis des wahrgenommenen Sorgerechts gewährt wird. Sie steht also auch Müttern zur Verfügung, die nie berufstätig waren. Das aufstockende Rentensystem verringert die Altersarmut, denn entweder investieren die Menschen Zeit und Geld in Kinder und damit in künftige Beitrags- und Steuerzahler. Oder sie können oder wollen das nicht und sparen das Geld, das sie andernfalls für die Kinder hätten einsetzen müssen, für die eigene Rente. Jeder steht vor der gleichen Wahl wie die Gesellschaft als ganze. Seine Entscheidungsnot wird ihre Wirkung auf die Nachwuchsplanung nicht verfehlen.

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