DieManager von Morgen WiWi-TReFF.de - Zeitung & Forum für Wirtschaftsstudium & Karriere
WiWi-News

Demokratie und Arbeit sind den Menschen wichtiger als Wirtschaftswachstum

Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) spielt als Gradmesser für Wohlstand nach Ansicht der deutschen Bevölkerung nur eine untergeordnete Rolle. Als weitaus wichtiger werden der Erhalt der Demokratie und eine hohe Erwerbstätigenquote eingeschätzt. Das geht aus einer repräsentativen Erhebung des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW Berlin) in Zusammenarbeit mit TNS Infratest hervor.

Mehrere gemalte, fröhliche Kinder unterschiedlicher Nationen auf einer Wand.

Demokratie und Arbeit sind den Menschen wichtiger als Wirtschaftswachstum
Berlin, 07.03.2013 (diw) - Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) spielt als Gradmesser für Wohlstand nach Ansicht der deutschen Bevölkerung nur eine untergeordnete Rolle. Als weitaus wichtiger werden der Erhalt der Demokratie und eine hohe Erwerbstätigenquote eingeschätzt. Das geht aus einer repräsentativen Erhebung des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW Berlin) in Zusammenarbeit mit TNS Infratest hervor. „Wohlstand und Lebensqualität definieren sich für viele Menschen nicht vorrangig über die Höhe des Durchschnittseinkommens und des Wirtschaftswachstums“, sagt DIW-Experte Marco Giesselmann, einer der Studienautoren. „Die Politik muss deshalb auch die weiteren Bedürfnisse und Anforderungen der Menschen messbar machen und anerkennen.“ Hintergrund der Umfrage ist ein Vorschlag der Enquete-Kommission „Wachstum, Wohlstand, Lebensqualität“, die im Auftrag des Deutschen Bundestags eine Alternative zum BIP entwickeln soll und sich nun mehrheitlich für ein Konzept mit zehn Leitindikatoren ausgesprochen hat.

Konkret schlägt die Enquete-Kommission vor, dem Bruttoinlandsprodukt – also dem Wert aller in einer Volkswirtschaft produzierten Güter und Dienstleistungen – neun weitere Indikatoren zur Seite zu stellen (Staatsschuldenquote, Einkommensverteilung, Beschäftigung, Bildung, Lebenserwartung, Demokratie und Freiheit, Treibhausgasemissionen, Stickstoffüberschuss, Artenvielfalt). Ein einziger alternativer Indikator, also eine Art Anti-BIP, sei nach Meinung der Enquete-Kommission hingegen nicht praktikabel, sagt DIW-Vorstand Gert G. Wagner, Mitglied der Kommission: „Neben methodischen Problemen wäre ein Anti-BIP vor allem aus demokratietheoretischer Sicht bedenklich. Denn dann müssten Politiker für alle Menschen entscheiden, welches Gewicht etwa der Umweltschutz im Vergleich zum materiellen Wohlstand hat.“

Relevanzeinschätzungen variieren nach Wählerlager
Auf einer Skala von null bis zehn bewerteten die Befragten das Pro-Kopf-Einkommen – als Indikator für das Bruttoinlandsprodukt – durchschnittlich mit einem Wert von 7,4. Damit liegt das BIP fast am Ende der Bedeutsamkeitsskala der zehn von der Enquete-Kommission vorgeschlagenen Indikatoren; lediglich einer Erhöhung der Lebenserwartung wird mit einem Durchschnittswert von 6,6 eine noch geringere Relevanz zugesprochen. Dem Erhalt der Demokratie und einer hohen Erwerbstätigenquote werden mit Durchschnittswerten von 9,4 beziehungsweise 9,2 die mit Abstand höchsten Bedeutungen beigemessen. Die ökologischen Indikatoren für Aspekte wie Klimaschutz und Erhalt der Artenvielfalt liegen mit Mittelwerten von knapp über acht im Mittelfeld der Rangliste.Die Relevanzeinschätzungen der Befragten unterscheiden sich teilweise deutlich: So messen Ostdeutsche abgesehen vom Demokratieerhalt und der Staatsschuldenquote allen Indikatoren ein höheres Gewicht zu als Westdeutsche. Die Geschlechtsunterschiede sind gering, allerdings zeigen sich Frauen vor allem für die ökologischen Indikatoren sensitiver.

Bedeutsame Unterschiede weist die Analyse für die Wähler verschiedener Parteien aus: So wird die Relevanz des BIP vor allem bei Wählern der SPD sowie der Linken hoch eingestuft. Besonders deutlich spiegelt sich das parteipolitische Spektrum bei der Frage nach der Einkommensverteilung wider:

Während die Wähler von SPD, Grünen und Linken das Gleichheitsziel im Schnitt um bis zu 1,5 Skalenpunkte wichtiger einschätzen als CDU-Wähler, wird dem Indikator unter FDP-Wählern lediglich eine deutlich unterdurchschnittliche Relevanz beigemessen.

Jahreswohlstandsbericht könnte helfen, das Bruttoinlandsprodukt zu relativieren
Dass Diskussionen um das Wirtschaftswachstum künftig ausbleiben, glauben die Studienautoren indes nicht: „Letztlich hängt die Realisierung der meisten Politikziele mit einem hohen Niveau des BIP und dessen Wachstum zusammen“, erklärt Giesselmann. Allerdings ließe sich mit einem Sachverständigenrat für nachhaltige Lebensqualität ein Gegenpol schaffen, der andere Akzente und Politikempfehlungen setzen könnte. DIW-Vorstand Wagner: „Wenn die Bundesregierung in einer Art Jahreswohlstandsbericht zu allen Bereichen, die für Wohlstand und Lebensqualität relevant sind, gemeinsam Stellung beziehen würde, ließe sich das BIP politisch und gesellschaftlich relativieren.“

Download [PDF, 16 Seiten - 370 KB]
DIW Wochenbericht 9/2013

Im Forum zu

1 Kommentare

Technologischer Fortschritt im Solow Modell langfristig

WiWi Gast

Guten Tag, Ich hätte mal eine Frage zu dem Solow Modell. Wenn neben dem Kapitalverschleiß(d) und dem Bevölkerungswachstum (n) noch der technologischer Fortschritt(g) hinzukommt, erhalten wir ja folge ...

1 Kommentare

Was Ökonomen von Hirnforschern lernen

WiWi Gast

ich fands ganz interessant... falls es jemand lesen will LINK

2 Kommentare

Alternative Ökonomik: Philip Mirowskis Literatur als Einstieg in ein neues Denken

WiWi Gast

lol, das hatte ich heute morgen eigentlich ganz wo anders hier gepostet, aber schön, dass es aufgegriffen wird :) Meine Aussage bezog sich übrigens auf die BWL und nicht die VWL. Erstere sollte in gut ...

1 Kommentare

"Totales" Durchschnittsprodukt? Verhältnis von Grenzprodukt und Durchschnittsprodukt

wiwi_Q

Hallo liebes Forum, bei Untersuchung einer partiellen Produktionsfunktion setzt man häufig Grenzprodukt und Durchschnittsprodukt eines Faktors in Beziehung, um zu sehen, welches höher liegt. Die gl ...

1 Kommentare

Neue Institutionenökonomik

JulesWe

Hallo zusammen, kennt sich hier wer besonders mit dem oben genannten Thema aus? Ich muss einen Zusammenhang zwischen der Make or Buy Entscheidung und u.a. der Transaktionskostenökonomik herstellen und ...

2 Kommentare

Macro-Frage zur Verbriefung von Krediten

WiWi Gast

Dein Kommilitone liegt richtig. B ist falsch. Durch die Verbriefung änderte sich keineswegs die Bonität der Schuldner. Mit dem Gedankengang des "Zusammen Ramschen" warst du schon auf dem ri ...

4 Kommentare

Tertiärisierung Aufgabe, Definition

WiWi Gast

A ist korrekt. Wenn die Preise für DL langsamer steigen, als für Industrie, aber der Wert für DL am BIP trotzdem stärker zunimmt, werden mehr DL erbracht und konsumiert. B widerspricht dem Wandel zur ...

Artikel kommentieren

Als WiWi Gast oder Login

Zum Thema

OECD-Wirtschaftsbericht Deutschland 2014

OECD-Wirtschaftsbericht Deutschland 2014

Der OECD-Wirtschaftsbericht Deutschland 2014 untersucht die jüngsten wirtschaftlichen Entwicklungen, Maßnahmen und Aussichten. Der vorliegende Bericht ermutigt Deutschland zu Reformen für nachhaltiges Wachstum mit mehr sozialer Teilhabe beim Steuersystem, im Dienstleistungs- und Finanzsektor sowie auf dem Bildungs- und Arbeitsmarkt.

Ein Schild mit der roten Aufschrift: Komplett-Preis.

Business Technology Award 2013

Oliver Krancher (31) von der Universität Bern ist der diesjährige Gewinner des mit 7.500 Euro dotierten Business Technology Award. Mit diesem Preis zeichnet die Unternehmensberatung McKinsey & Company Nachwuchswissenschaftler für herausragende Arbeiten im Spannungsfeld zwischen Wirtschaft und Technologie aus.

Weiteres zum Thema WiWi-News

Jahreswirtschaftsbericht 2017 - Bruttoinlandsprodukt wächst um 1,4 Prozent

Nach dem Verzicht auf seine Kanzlerkandidatur stellte Sigmar Gabriel den aktuellen Jahresbericht 2017 vor. Aus dem Bericht mit dem Titel „Für inklusives Wachstum in Deutschland und Europa“ geht hervor, dass das Bundeskabinett eine Zunahme des preisbereinigten Bruttoinlandsprodukts von 1,4 Prozent erwartet. Grund für den Rückgang im Vergleich zum Vorjahr von 1,7 auf 1,4 Prozent ist die geringere Anzahl von Arbeitstagen.

Wirtschaftsweisen - Der Sachverständigenrat für Wirtschaft zur wissenschaftlichen Politikberatung.

Wirtschaftsweisen legen Jahresgutachten 2016/17 »Zeit für Reformen« vor

Der Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung hat sein Jahresgutachten 2016/17 vorgelegt. Das Jahresgutachten trägt den Titel »Zeit für Reformen«. Das neue Jahresgutachten hat drei Schwerpunktthemen: die Bewältigung der Flüchtlingsmigration, die Stärkung der Architektur der Europäischen Währungsunion und die Schaffung von Voraussetzungen für mehr Wachstum in Deutschland.

Ein Fenster mit einem Aufkleber: Made in Germany.

Herbstprojektion 2016 der Bundesregierung - Deutsche Wirtschaft wächst solide

In der aktuellen Herbstprojektion erwartet die Bundesregierung einen Anstieg des Bruttoinlandsprodukts von preisbereinigt 1,8 Prozent im Jahr 2016, im Jahr 2017 um 1,4 Prozent und im Jahr 2018 um 1,6 Prozent. Die deutsche Wirtschaft wächst solide weiter, etwas weniger, als noch im Frühjahr angenommen. Der niedrige Ölpreis, der Wechselkurs und die Anstrengungen zur Bewältigung des Flüchtlingszustroms haben dazu beigetragen.

Ein weißes London-Taxi mit einer britischen Fahne auf der Motorhaube.

Brexit-Folgen für Deutschland: Ökonomen-Kommentare und Studien

Nach dem Brexit-Votum der Briten werden die wirtschaftlichen Folgen eines EU-Austritts für Deutschland unter Ökonomen heiß diskutiert. Millionen britische Brexit-Gegner protestieren derweil gegen das Brexit-Votum vom 23. Juni 2016. In einer Online-Petition fordern sie eine zweite Volksabstimmung und hoffen auf einen Regrexit, den Exit vom Brexit.

Ein Baugerüst mit einem alten Bild in schwarz weiß mit Arbeitern von früher.

DIHK-Konjunkturumfrage Frühsommer 2016: Wachstum profitiert von Bau und Konsum

Der Deutsche Industrie- und Handelskammertag (DIHK) rechnet für 2016 mit einem Wachstum von 1,5 Prozent, nachdem er zu Jahresbeginn noch einen Zuwachs von 1,3 Prozent prognostiziert hatte. Nach der jüngsten Konjunkturumfrage zieht das Wachstum an und die Erwartung der Unternehmen verbessert sich leicht.

Screenshot Homepage w-wie-wachstum.de

w-wie-wachstum.de - Portal zum Thema Wirtschaftswachstum

Das Bruttoinlandsprodukt ist in Deutschland seit 1991 zwar langsamer gestiegen als im Schnitt der Industrieländer. Doch in mancherlei Hinsicht war und ist das deutsche Wachstum nachhaltiger - zum Beispiel, weil viel Geld in die Forschung fließt. Zu den Schwachstellen zählen die eher niedrige Investitionsquote und der hohe Energieverbrauch. Fakten, Analysen, Grafiken und Videos zum Thema Wachstum bietet ein neues Portal des Institut der deutschen Wirtschaft Köln.

Screenshot ifw-glossar-zur-schuldenkrise

IfW-Glossar zur Schuldenkrise

Der IfW-Glossar zur Schuldenkrise erläutert die wichtigsten gut 30 Instrumente, Institutionen und Begriffe rund um die Finanzkrise. Zudem liefern gut 20 Links zu den Begriffen weiterführende Informationsquellen.

Beliebtes zum Thema News

BDU-Studie Consultingbranche 2019: Ein Unternhemensberater liest eine Wirtschaftszeitung.

Consultingbranche 2019: Beratertalente bleiben umkämpft

In der Consultingbranche ist der Branchenumsatz 2018 um 7,3 Prozent auf 33,8 Milliarden Euro gestiegen. Auch für 2019 sind die deutschen Unternehmensberater lautet der Branchenstudie „Facts & Figures zum Beratermarkt“ des Bundesverbandes Deutscher Unternehmensberater (BDU) zuversichtlich. Die Jobaussichten für Beratertalente sind erneut entsprechend gut. 90 Prozent der großen und Dreiviertel der mittelgroßen Beratungen planen, in 2019 zusätzliche Juniorberater und Seniorberater einzustellen.

Die Großbuchstaben "KI" auf einer Taste stehen für "Künstliche Intelligenz"

Künstliche Intelligenz ist Top-Thema bei Unternehmen

Neun von zehn Managern erwarten grundlegende Veränderungen bei ihren Geschäftsprozessen und Kundeninteraktionen durch Künstliche Intelligenz (KI). Die strategische Bedeutung von Künstlicher Intelligenz zieht daher Anpassung der Unternehmens­strategie nach sich. Effizienz und Kundenzentrierung werden dabei derzeit als größtes Potenzial der KI-Technologien gesehen, so die Ergebnisse von Lünendonk und Lufthansa Industry Solutions in ihrer Sonderanalyse Künstliche Intelligenz.

Zwei Tassen mit einer Englandflagge und einer Uhr, die fünf vor zwölf anzeigt.

EuGH: "Rücktritt" vom BREXIT möglich

Großbritannien kann den Brexit einfach absagen. Zu diesem Schluss kommt der EuGH-Generalanwalt Campos Sánchez-Bordona. Die Mitteilung aus der Union auszutreten, könne Großbritannien einseitig zurückzunehmen, Artikel 50 des EU-Vertrags lasse das zu. Diese Möglichkeit bestehe für Großbritannien jedoch lediglich bis zu dem Zeitpunkt, an welchem das EU-Austrittsabkommen abgeschlossen ist.

Wirtschaftsweisen - Der Sachverständigenrat für Wirtschaft zur wissenschaftlichen Politikberatung.

Wirtschaftsweisen legen Jahresgutachten 2018/19 vor

Der Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung hat sein Jahresgutachten 2018/19 vorgelegt. Das Jahresgutachten trägt den Titel »Vor wichtigen wirtschaftspolitischen Weichenstellungen«. Das neue Jahresgutachten hat vier Schwerpunktthemen: Globalisierung und Protektionismus, Europa und der Brexit, Handlungsbedarf beim demografischen Wandel und die Digitalisierung.

Ein Mann mit Kopftaschenlampe sieht sich den Sternenhimmel an.

Digitalstrategen: Chief Digital Officer (CDO) – das Einhorn unter den Top-Managern

Das Berufsbild des Chief Digital Officer (CDO) ist brandneu. Aktuell haben erst lediglich zwei Prozent der großen Unternehmen die Position eines CDO geschaffen. Der digitale Wandel muss jedoch in der Unternehmensspitze verankert werden. Dies ist Aufgabe des Chief Digital Officers, welcher eine Digitalstrategie erarbeiten und die Digitalisierung von Unternehmen und Geschäftsmodellen vorantreiben und gestalten soll.

Der Ausschnitt einer Computertastatur zeigt die Buchstaben CDO für Chief Digital Officer.

Chief Digital Officer: Digitalchefs definieren Rolle selbst

Bis 2025 muss jede Führungskraft ein digitales Verständnis mitbringen. Verantwortlich für die Digitalstrategie und den digitalen Wandel von Unternehmen ist der Chief Digital Officer (CDO). Die Digitalchefs definieren ihre Rolle und ihre Aufgaben dabei meist selbst. Zentrale Aufgaben sind das Trendscouting, das Formulieren einer Digitalstrategie und und die Digitalisierung interner Prozesse. Die wichtigsten Kompetenzen des CDO sind Innovationskraft, Veränderungswillen und die Fähigkeit zur Kollaboration. Das zeigt eine Studie der Unternehmensberatung Kienbaum zu Profil, Rolle und Kernkompetenzen des CDO.

Cover: Die Unternehmensberatung: Von der strategischen Konzeption zur praktischen Umsetzung

Die Unternehmensberatung

Der Beratungsbranche boomt durch die Digitalisierung. Welche Anforderungen stellt die Digitalisierung an die Beratungsbranche? Was fasziniert so viele Absolventen der Wirtschaftswissenschaften an der Unternehmensberatung? Berater-Flüsterer Dirk Lippold zeigt in der neu erschienen dritten Auflage seines Consulting-Klassikers »Die Unternehmensberatung«, wie sich die Beratung zukünftig verändern wird.