DieManager von Morgen WiWi-TReFF.de - Zeitung & Forum für Wirtschaftsstudium & Karriere
WiWi-NewsFinanzmärkte

OECD-Studie: Expansion der Finanzmärkte schädigt das Wirtschaftswachstum

Expandiert der Finanzsektor in den Industrieländern weiter so schnell, wird er das Wirtschaftswachstum eher hemmen als fördern. Laut einer OECD-Studie würden mehr Kredite für Privathaushalte das Wachstum in den meisten Ländern senken. Finanzierungen über die Aktienmärkte verhelfen dagegen zu größerem Wachstum.

Börsenteil der Tageszeitung mit Zinssätzen und Aktienkursen.

OECD-Studie: Expansion der Finanzmärkte schädigt das Wirtschaftswachstum
Paris/Berlin, 17.06.2015 (oecd) - Expandiert der Finanzsektor in Industrieländern im gleichen Tempo wie in den vergangenen Jahrzehnten, wird er das Wirtschaftswachstum eher hemmen als fördern. Zu diesem Schluss kommt die jüngste Studie der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) „Finance and Inclusive Growth“. Seit 1960 sind die Kredite, die Finanzinstitutionen an Unternehmen und an Privathaushalte ausgegeben haben, dreimal so stark gewachsen wie die Realwirtschaft. OECD-weit liegen sie jetzt bei 110 Prozent des Bruttoinlandsproduktes (BIP).

Die Studie analysiert Daten aus 50 Jahren und stellt fest, dass unterschiedliche Finanzarten unterschiedliche Auswirkungen auf das Wachstum und die Ungleichheit in einer Gesellschaft haben. So würden mehr Kredite für Privathaushalte das Wachstum in den meisten OECD-Ländern senken. Finanzierungen über die Aktienmärkte hingegen verhelfen in der Mehrzahl der Länder zu größerem Wachstum. Eine Steigerung der Börsennotierungen von zehn Prozent des Bruttoinlandsproduktes geht im Schnitt der OECD- und G20-Länder mit einem 0,2-prozentigen Anstieg des BIP-Wachstums einher.

„Moderne Volkswirtschaften haben die Finanzmarktregeln in den Jahrzehnten vor der Krise immer weiter liberalisiert“, sagte Christian Kastrop, OECD-Direktor für wirtschaftspolitische Studien bei der Vorstellung des Berichts in Berlin. „Am Anfang war das gut für die Wirtschaft, mit der Zeit aber hat die Deregulierung die ökonomischen Fundamente geschwächt. Um diese Fundamente wieder zu stabilisieren, sollten wir die überzogene Ausgabe von Krediten gerade an Privathaushalte dämpfen und dafür Sorge tragen, dass Banken sich nicht darauf verlassen können, im Falle eines Kollapses vom Staat gerettet zu werden.“
Ein expandierender Finanzsektor stellt nach Aussage des Berichts ein Risiko für Wachstum dar, wenn er Investitionen mit geringer Rendite finanziert; wenn Banken systemrelevant werden und nur noch durch enorme öffentliche Kosten abgesichert werden können; wenn die Branche durch höhere Löhne talentierte Arbeitskräfte von anderen Sektoren mit größerem produktiven Potenzial abzieht und schließlich, wenn sie Auf- und Abschwünge generiert, die das langfristige Wachstum schwächen.

Unvorteilhaft hat sich der erheblich gewachsene Finanzsektor auch auf das Niveau der Ungleichheit in den OECD-Ländern ausgewirkt. Kurzfristig können Menschen mit geringerem Einkommen von der Ausweitung profitieren, da sie in Zeiten der finanziellen Expansion oft leichter Kredite erhalten, um beispielsweise eine Immobilie zu kaufen. Auf längere Sicht aber potenzieren sich die Gewinne am oberen Ende der Gehaltsskala: Arbeitnehmer im Finanzsektor erzielen Lohnvorteile von bis zu 40 Prozent gegenüber Arbeitnehmern aus anderen Branchen mit ähnlichen Qualifikationen. Jeder fünfte Top-Verdiener im obersten Prozent des Gehaltsspektrums kommt aus der Finanzbranche – und das, obwohl im Schnitt nur vier Prozent aller Beschäftigten im Finanzsektor arbeiten.

Gutverdiener wiederum haben die Möglichkeit, hohe Kredite aufzunehmen, was sie auch tun. Diese Dynamik verstärkt die Einkommensungleichheit, denn Wohlhabende investieren meist gewinnbringender als Menschen mit geringeren finanziellen Mitteln. So erwerben sie häufiger Aktien und erzielen hiermit in der Regel höhere Gewinne als aktienlose Haushalte.

Eine Reihe von Reformen könnte den Finanzsektor stabiler gestalten und dafür sorgen, dass er zu sozialverträglichem Wachstum beiträgt. Dazu gehört der stärkere Einsatz makro-ökonomischer Instrumente, die eine Kreditschwemme verhindern und eine effiziente Bankenaufsicht, die dafür sorgt, dass Finanzinstitute über ausreichend Eigenkapital verfügen. Ebenso wichtig wäre es, die implizite Förderung von Banken durch Staatsgarantien zu verringern, die dann aufgerufen werden, wenn eine systemrelevante Bank in die Krise gerät. Banken, die zu groß sind, um sie pleitegehen zu lassen (too big to fail), könnten in weniger problematische Einheiten aufgeteilt werden.

Alternativ könnten solche Institute dazu verpflichtet werden, Risikozuschläge zu entrichten und belastbare Pläne darüber vorzulegen, wie sie verschiedene Krisenszenarien bewältigen würden. Das öffentliche Vertrauen in den Sektor und seine Stabilität könnten zudem erhöht werden, wenn die Entlohnungspraxis reformiert würde: Boni, die kurzzeitige Erfolge belohnen, ohne auf die längerfristigen Folgen zu achten, sollten beschnitten werden. Schließlich wäre auch eine Unternehmenssteuerreform sinnvoll, die dazu führt, dass Finanzierungen über den Kredit- und den Aktienmarkt steuerlich gleich behandelt werden.

Download Kurzversion der Studie [PDF, 7 Seiten - 875 KB]
How to restore a healthy financial sector that supports long-lasting growth

Download Langversion der Studie [PDF, 46 Seiten - 3,4 MB]
Finance and inclusive growth

Im Forum zu Finanzmärkte

2 Kommentare

Märkte, Geldpolitik und Börse verstehen

WiWi Gast

WiWi Gast schrieb am 26.09.2018: Kaufe Dir neu oder gebraucht das zur Ausbildung zum Bankkaufmann verwendete Lehrbuch "Der Bankbetrieb" vom Gabler - Verlag. Nützliche Strategien zur Börsenentw ...

26 Kommentare

Was haltet ihr vom Berliner Mietendeckel? (Soziale und VWL Perspektive)

WiWi Gast

Das Problem in der öffentlichen Debatte ist, dass die Gegner von echten Mietobergrenzen oder Enteignungsvorhaben zwei Probleme stets zusammen diskutieren wollen, obwohl es für das Individuum zwei vers ...

45 Kommentare

Schwarzmalerei vs. Realität

MünchenIstTeuer

WiWi Gast schrieb am 30.06.2019: Hier im Forum allerdings wohl eher eine kleine Minderheit. ...

1 Kommentare

Mikroökonomie Hilfe

WiWi Gast

Hallo Leute, Kann mir jmd. helfen. Ich bin kein Bwler ... Habe eine Grafik in der eine Transformationskurve dargestellt ist, welche bei x=6 und y=3 im Gleichgewicht ist. Nun soll ich das gleichgew ...

1 Kommentare

Mikroökonomie, Angebot Nachfragefunktion erstellen

wiwi3000

Hallo, ich schreibe eine Seminararbeit über die schwankenden Milchpreise und möchte dazu eine Angebots-Nachfragekurve erstellen. Ich habe die Daten der Milchpreise und der produzierten Menge aber wie ...

5 Kommentare

Goethe Makro 1

WiWi Gast

Alter frag deine Kommilitonen

Artikel kommentieren

Als WiWi Gast oder Login

Zum Thema Finanzmärkte

Weiteres zum Thema WiWi-News

Jahreswirtschaftsbericht 2017 - Bruttoinlandsprodukt wächst um 1,4 Prozent

Nach dem Verzicht auf seine Kanzlerkandidatur stellte Sigmar Gabriel den aktuellen Jahresbericht 2017 vor. Aus dem Bericht mit dem Titel „Für inklusives Wachstum in Deutschland und Europa“ geht hervor, dass das Bundeskabinett eine Zunahme des preisbereinigten Bruttoinlandsprodukts von 1,4 Prozent erwartet. Grund für den Rückgang im Vergleich zum Vorjahr von 1,7 auf 1,4 Prozent ist die geringere Anzahl von Arbeitstagen.

Wirtschaftsweisen - Der Sachverständigenrat für Wirtschaft zur wissenschaftlichen Politikberatung.

Wirtschaftsweisen legen Jahresgutachten 2016/17 »Zeit für Reformen« vor

Der Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung hat sein Jahresgutachten 2016/17 vorgelegt. Das Jahresgutachten trägt den Titel »Zeit für Reformen«. Das neue Jahresgutachten hat drei Schwerpunktthemen: die Bewältigung der Flüchtlingsmigration, die Stärkung der Architektur der Europäischen Währungsunion und die Schaffung von Voraussetzungen für mehr Wachstum in Deutschland.

Ein Fenster mit einem Aufkleber: Made in Germany.

Herbstprojektion 2016 der Bundesregierung - Deutsche Wirtschaft wächst solide

In der aktuellen Herbstprojektion erwartet die Bundesregierung einen Anstieg des Bruttoinlandsprodukts von preisbereinigt 1,8 Prozent im Jahr 2016, im Jahr 2017 um 1,4 Prozent und im Jahr 2018 um 1,6 Prozent. Die deutsche Wirtschaft wächst solide weiter, etwas weniger, als noch im Frühjahr angenommen. Der niedrige Ölpreis, der Wechselkurs und die Anstrengungen zur Bewältigung des Flüchtlingszustroms haben dazu beigetragen.

Ein weißes London-Taxi mit einer britischen Fahne auf der Motorhaube.

Brexit-Folgen für Deutschland: Ökonomen-Kommentare und Studien

Nach dem Brexit-Votum der Briten werden die wirtschaftlichen Folgen eines EU-Austritts für Deutschland unter Ökonomen heiß diskutiert. Millionen britische Brexit-Gegner protestieren derweil gegen das Brexit-Votum vom 23. Juni 2016. In einer Online-Petition fordern sie eine zweite Volksabstimmung und hoffen auf einen Regrexit, den Exit vom Brexit.

Ein Baugerüst mit einem alten Bild in schwarz weiß mit Arbeitern von früher.

DIHK-Konjunkturumfrage Frühsommer 2016: Wachstum profitiert von Bau und Konsum

Der Deutsche Industrie- und Handelskammertag (DIHK) rechnet für 2016 mit einem Wachstum von 1,5 Prozent, nachdem er zu Jahresbeginn noch einen Zuwachs von 1,3 Prozent prognostiziert hatte. Nach der jüngsten Konjunkturumfrage zieht das Wachstum an und die Erwartung der Unternehmen verbessert sich leicht.

Screenshot Homepage w-wie-wachstum.de

w-wie-wachstum.de - Portal zum Thema Wirtschaftswachstum

Das Bruttoinlandsprodukt ist in Deutschland seit 1991 zwar langsamer gestiegen als im Schnitt der Industrieländer. Doch in mancherlei Hinsicht war und ist das deutsche Wachstum nachhaltiger - zum Beispiel, weil viel Geld in die Forschung fließt. Zu den Schwachstellen zählen die eher niedrige Investitionsquote und der hohe Energieverbrauch. Fakten, Analysen, Grafiken und Videos zum Thema Wachstum bietet ein neues Portal des Institut der deutschen Wirtschaft Köln.

Screenshot ifw-glossar-zur-schuldenkrise

IfW-Glossar zur Schuldenkrise

Der IfW-Glossar zur Schuldenkrise erläutert die wichtigsten gut 30 Instrumente, Institutionen und Begriffe rund um die Finanzkrise. Zudem liefern gut 20 Links zu den Begriffen weiterführende Informationsquellen.

Beliebtes zum Thema News

BDU-Studie Consultingbranche 2019: Ein Unternhemensberater liest eine Wirtschaftszeitung.

Consultingbranche 2019: Beratertalente bleiben umkämpft

In der Consultingbranche ist der Branchenumsatz 2018 um 7,3 Prozent auf 33,8 Milliarden Euro gestiegen. Auch für 2019 sind die deutschen Unternehmensberater lautet der Branchenstudie „Facts & Figures zum Beratermarkt“ des Bundesverbandes Deutscher Unternehmensberater (BDU) zuversichtlich. Die Jobaussichten für Beratertalente sind erneut entsprechend gut. 90 Prozent der großen und Dreiviertel der mittelgroßen Beratungen planen, in 2019 zusätzliche Juniorberater und Seniorberater einzustellen.

Das Bild zeigt den Berater Björn Selzer von innogy Consulting bei einer Präsentation.

Berufseinstieg im Consulting bei innogy

Wie sieht ein Berufseinstieg im Consulting in der Energiewirtschaft aus? Björn Selzer ist Berater bei innogy Consulting. Er gibt Einblicke in seine ersten 100 Tage im Job bei der Beratung mit Onboarding, Bootcamp, Projekt-Hospitation und berichtet von seinem ersten Projekt.

Die Großbuchstaben "KI" auf einer Taste stehen für "Künstliche Intelligenz"

Künstliche Intelligenz ist Top-Thema bei Unternehmen

Neun von zehn Managern erwarten grundlegende Veränderungen bei ihren Geschäftsprozessen und Kundeninteraktionen durch Künstliche Intelligenz (KI). Die strategische Bedeutung von Künstlicher Intelligenz zieht daher Anpassung der Unternehmens­strategie nach sich. Effizienz und Kundenzentrierung werden dabei derzeit als größtes Potenzial der KI-Technologien gesehen, so die Ergebnisse von Lünendonk und Lufthansa Industry Solutions in ihrer Sonderanalyse Künstliche Intelligenz.

Zwei Tassen mit einer Englandflagge und einer Uhr, die fünf vor zwölf anzeigt.

EuGH: "Rücktritt" vom BREXIT möglich

Großbritannien kann den Brexit einfach absagen. Zu diesem Schluss kommt der EuGH-Generalanwalt Campos Sánchez-Bordona. Die Mitteilung aus der Union auszutreten, könne Großbritannien einseitig zurückzunehmen, Artikel 50 des EU-Vertrags lasse das zu. Diese Möglichkeit bestehe für Großbritannien jedoch lediglich bis zu dem Zeitpunkt, an welchem das EU-Austrittsabkommen abgeschlossen ist.

Wirtschaftsweisen - Der Sachverständigenrat für Wirtschaft zur wissenschaftlichen Politikberatung.

Wirtschaftsweisen legen Jahresgutachten 2018/19 vor

Der Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung hat sein Jahresgutachten 2018/19 vorgelegt. Das Jahresgutachten trägt den Titel »Vor wichtigen wirtschaftspolitischen Weichenstellungen«. Das neue Jahresgutachten hat vier Schwerpunktthemen: Globalisierung und Protektionismus, Europa und der Brexit, Handlungsbedarf beim demografischen Wandel und die Digitalisierung.

Ein Mann mit Kopftaschenlampe sieht sich den Sternenhimmel an.

Digitalstrategen: Chief Digital Officer (CDO) – das Einhorn unter den Top-Managern

Das Berufsbild des Chief Digital Officer (CDO) ist brandneu. Aktuell haben erst lediglich zwei Prozent der großen Unternehmen die Position eines CDO geschaffen. Der digitale Wandel muss jedoch in der Unternehmensspitze verankert werden. Dies ist Aufgabe des Chief Digital Officers, welcher eine Digitalstrategie erarbeiten und die Digitalisierung von Unternehmen und Geschäftsmodellen vorantreiben und gestalten soll.

Der Ausschnitt einer Computertastatur zeigt die Buchstaben CDO für Chief Digital Officer.

Chief Digital Officer: Digitalchefs definieren Rolle selbst

Bis 2025 muss jede Führungskraft ein digitales Verständnis mitbringen. Verantwortlich für die Digitalstrategie und den digitalen Wandel von Unternehmen ist der Chief Digital Officer (CDO). Die Digitalchefs definieren ihre Rolle und ihre Aufgaben dabei meist selbst. Zentrale Aufgaben sind das Trendscouting, das Formulieren einer Digitalstrategie und und die Digitalisierung interner Prozesse. Die wichtigsten Kompetenzen des CDO sind Innovationskraft, Veränderungswillen und die Fähigkeit zur Kollaboration. Das zeigt eine Studie der Unternehmensberatung Kienbaum zu Profil, Rolle und Kernkompetenzen des CDO.