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ifo-Institut: Investitionen sind die Kernfrage

Hans-Werner Sinn, Chef des Münchener ifo-Instituts für Wirtschaftsforschung, äußert sich zu Beschäftigung und Wirtschaftswachstum in Deutschland, der am langsamsten wachsenden Wirtschaft in der EU.

Deutscher Ökonomieprofessor und ehemaliger Ifo-Chef Hans-Werner Sinn

ifo-Institut: Investitionen sind die Kernfrage
München, 03.10.2005 (ifo) - Deutschland hatte in den letzten zehn Jahren, von 1995 bis 2005, die am langsamsten wachsende Wirtschaft der EU, und selbst Westdeutschland für sich genommen war Schlusslicht beim Wirtschaftswachstum. Zugleich hat die Massenarbeitslosigkeit Dimensionen angenommen, die kaum noch beherrschbar sind, wie die fortwährende Verletzung der Maastricht-Kriterien zeigt. Die meisten Stellen gehen beim Bau und in der Industrie verloren. Die Verluste in der Industrie sind besonders schlimm, denn die Industrie ist die Basis der deutschen Wirtschaft, der »glühende Kern«, wie Gabor Steingart es treffend formuliert hat. Der Kern kühlt sich in vielen westlichen Industrieländern etwas ab, aber er erkaltet hier schneller als anderswo.

Nirgendwo nahm die Beschäftigung des verarbeitenden Gewerbes seit dem Fall des Kommunismus prozentual so stark ab wie in Deutschland.
Auch diese Schlusslichtposition hat wenig mit der deutschen Vereinigung zu tun, denn selbst Westdeutschland für sich genommen liegt beim Rückgang der Industriebeschäftigung an der zweitletzten Stelle aller entwickelten Länder dieser Erde. Trotz der Integration von rund 2 Millionen im ostdeutschen verarbeitenden Gewerbe beschäftigten Arbeitnehmern lag die gesamtdeutsche Beschäftigung im verarbeitenden Gewerbe im Jahr 2004 um knapp eine Million Personen unter dem Niveau, das allein Westdeutschland vor der Vereinigung hatte. Die Industriebeschäftigung Deutschlands ist im freien Fall begriffen. Der Abbau von Arbeitsplätzen war Anfang der neunziger Jahre besonders stark, beruhigte sich dann bis zum Jahr 2000 etwas und hat danach wieder an Fahrt gewonnen. Von 1995 bis 2004 sank die Industriebeschäftigung in Vollzeitäquivalenten gerechnet um 1,09 Millionen Stellen, ohne dass im Rest der Wirtschaft Ersatz gefunden worden wäre. Insgesamt fiel die deutsche Beschäftigung in dieser Zeit um 1,26 Millionen vollzeitäquivalente Stellen.

Arbeitsmarkt und Wachstum lahmen, weil die Investitionen ausbleiben. Die deutsche Nettoinvestitionsquote, also der Anteil der Nettoinvestitionen am Nettoinlandsprodukt, liegt nur noch bei knapp 3 Prozent. Das ist der mit Abstand niedrigste Wert aller OECD-Länder. Nirgendwo sonst haben sich die Investoren mit ähnlicher Entschiedenheit von ihrem Land abgewandt. Gleichzeitig sparen die um ihren Arbeitsplatz fürchtenden Bürger. Die Banken schwimmen im Geld, das keiner haben will. Der Überschuss der Ersparnisse über die Investitionen, der durch den Leistungsbilanzüberschuss des Landes gemessen wird, fließt ins Ausland.

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