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Viele Top-Ökonomen sehen den Flüchtlingszustrom kritisch

Für 40 Prozent der deutschen Wirtschaftsprofessoren überwiegen die Nachteile des starken Zustroms von Asylbewerber nach Deutschland. 23 Prozent der Ökonomen sehen dagegen Vorteile. Für immerhin knapp 38 Prozent der Wirtschaftswissenschaftler sind die Vorteile und Nachteile des Flüchtlingszustroms ausgewogen, wie das aktuelle Ökonomenpanel zeigt. Die Kosten der Flüchtlingskrise könnten durch neue Schulden und Steuererhöhungen finanziert werden. ifo Institut und F.A.Z befragten rund 220 Wirtschaftsprofessoren zur Asylpolitik.

Der Spruch: Wohin gehst du, wenn bei dir Krieg ist? auf einem roten Transparent.

Viele Top-Ökonomen sehen den Flüchtlingszustrom kritisch
München, 24.02.2016 (ifo) - Viele deutsche Wirtschaftsprofessoren sehen den anhaltenden Zustrom von Asylbewerbern nach Deutschland skeptisch. Das zeigt das Ökonomenpanel, welches das ifo Institut in Zusammenarbeit mit der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ erhebt. An der aktuellen Umfrage beteiligten sich rund 220 Wirtschaftsprofessoren in Deutschland. Ein Schwerpunkt der ersten Umfrage des Ökonomenpanels war die Asylpolitik. Nach Ansicht der Ökonomen überwiegen tendenziell die wirtschaftlichen Nachteile des Flüchtlingszustroms. Die Finanzierung der hierbei kurzfristig anfallenden Kosten sollte vor allem durch neue Schulden und Steuererhöhungen erfolgen.

Streitpunkt - Vorteile und Nachteile der Zuwanderung
Eine relative Mehrheit der Ökonomen erwartet von den Asylbewerbern eher Nachteile für das Land. Das gaben 40 Prozent der befragten Wirtschaftsprofessoren an. Eher Vorteile in der Zuwanderung sehen nur 23 Prozent. Für den Rest der Ökonomen wiegen sich Vorteile und Nachteile auf. Die deutschen Wirtschaftsprofessoren teilen damit mehrheitlich nicht den Optimismus etwa des Chefvolkswirts der Deutschen Bank, David Folkerts-Landau. Er hatte den Flüchtlingszustrom als größte wirtschaftliche Chance für Deutschland seit der Wiedervereinigung bezeichnet. Auch DIW-Ökonomen hatten unlängst verschiedene Szenarien simuliert und waren zu dem Ergebniss gekommen, dass sich die Investitionen längerfristig in jedem Fall auszahlen. Das Pro-Kopf-Einkommen der bisherigen Einwohner Deutschlands werde durch eine gelungene Integration sogar steigen.



Im Vergleich zur Einwanderungs- und Flüchtlingspolitik anderer Länder sehen die Wirtschaftsprofessoren die deutsche Politik insgesamt kritisch. Am besten schneidet in der Umfrage die Zuwanderungspolitik Kanadas und Australiens ab, die beide sehr stark nach der Qualifikation der Einwanderer selektieren.

Sicherung des Schengen-Raums
Die große Mehrheit der Ökonomen fordert eine bessere Sicherung der Außengrenzen des Schengen-Raums. 46 Prozent stimmen dieser Aussage "voll und ganz" zu, weitere 30 Prozent stimmen ihr "eher" zu.

Finanzierung der Flüchtlingskrise
Überraschende Ergebnisse bringt das Ökonomenpanel zur Frage, wie die Kosten für die Unterbringung, Versorgung und Betreuung der Asylbewerber finanziert werden sollten. 45 Prozent der Wirtschaftsprofessoren bringen hier Neuverschuldung ins Spiel, gefolgt von Steuererhöhungen mit 36 Prozent. Erst deutlich dahinter folgten die Optionen "Reduzierung internationaler Zahlungen", "Anhebung des Renteneintrittsalters" und "Kürzung der Sozialausgaben". Andere Sparmaßnahmen oder Umschichtungen im Haushalt befürworteten 16 Prozent.

  1. Neuverschuldung (45 %)
  2. Steuererhöhungen (36 %)
  3. Reduzierung internationaler Zahlungen (24 %)
  4. Anhebung des Renteneintrittsalters (22 %)
  5. Reduzierung der Sozialausgaben (21 %)
  6. Andere Sparmaßnahmen oder Umschichtungen im Haushalt (16 %)

Mindestlohn für Asylbewerber absenken
Die Mehrheit von 56 Prozent der VWL-Professoren hält es zur Integration der Asylbewerber mit niedriger Qualifikation für notwendig, den Mindestlohn für diese abzusenken. 37 Prozent der Wirtschaftsprofessoren lehnen dies allerdings ab. Einige der Ökonomen geben zu bedenken, dass dies zu Spannungen zwischen Deutschen und den Neuankömmlingen führen könnte.

„Ich bin kein Verfechter des Mindestlohns“, schreibt Prof. Dr. Erwin Amann von der Universität Duisburg-Essen in der Umfrage. „Eine Senkung des Mindestlohns würde aber die Debatte über eine Verdrängung deutscher Arbeitnehmer heraufbeschwören“, warnt er.

Rettungspolitik für Griechenland
Ebenfalls gefragt wurden die Ökonomen zum dritten Hilfspaket für Griechenland. 70 Prozent der Wirtschaftsprofessoren sagten, dieses helfe nicht, das Land langfristig zu stabilisieren. Damit werde nur Zeit gekauft, urteilten die Befragten. Es löse keine Strukturprobleme. 50 Prozent stimmten zu, dass Griechenland den Euroraum mit einer Rückkehr-Option verlassen sollte.

"Das dritten Hilfspaket für Griechenland wird das Land langfristig stabilisieren".

Die Geldpolitik der Europäischen Zentralbank
Weitere Fragen beschäftigten sich mit der Geldpolitik der Europäischen Zentralbank und den Sanktionen gegen Russland. Die Mehrheit von 57 Prozent der Befragten Ökonomen hält die aktuelle Geldpolitik der Eurozone für zu expansiv. 41 Prozent forderten, der Leitzins sollte erhöht werden. Die Russland-Sanktionen werden von einer einfachen Mehrheit der Ökonomen befürwortet.

"Wie beurteilen sie die aktuelle Geldpolitik der Europäischen Zentralbank?"

Auch eine Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft Köln (IW) zur Zinspolitik der Europäischen Zentralbank kam zu dem Fazit "Mehr Schaden als Nutzen".

Das Ökonomenpanel wird künftig jeden Monat das Meinungsbild der deutschen Volkswirtschaftsprofessoren erforschen. „Es geht darum, ein differenziertes Meinungsbild der deutschen Ökonomen zu aktuellen und grundsätzlichen Fragen aufzeigen zu können“, sagte der Initiator Niklas Potrafke, Leiter des ifo-Zentrums für öffentliche Finanzen und politische Ökonomie. „Inhaltlich hat mich das Ergebnis zur Finanzierung der Flüchtlingskosten überrascht. Ich teile nicht die Position, dass die Mehrausgaben durch neue Schulden oder Steuererhöhungen finanziert werden sollten“, sagte Potrafke. Stattdessen plädiert er für ein höheres Renteneintrittsalter oder Ausgabenkürzungen.

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