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Flüchtlingsintegration steigert Konsum und Pro-Kopf-Einkommen in Deutschland

Die Integration von Flüchtlingen führt langfristig zu positiven wirtschaftlichen Effekten in Deutschland. DIW-Ökonomen haben verschiedene Szenarien auf Basis unterschiedlicher Annahmen simuliert und die Investitionen zahlen sich in jedem durchgerechneten Szenario längerfristig aus. Das Pro-Kopf-Einkommen der bisherigen Einwohner Deutschlands wird durch eine gelungene Integration sogar steigen.

Flüchtlingsintegration steigert Konsumnachfrage und Pro-Kopf-Einkommen
Berlin, 06.11.2015 (diw) - Die Flüchtlingsmigration der letzten Monate stellt Politik und Gesellschaft vor enorme Herausforderungen. Gelingt die Integration der neu nach Deutschland kommenden Menschen, bedeutet dies jedoch langfristig einen Gewinn für alle. Das ist das Ergebnis einer Simulation von Ökonomen des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW Berlin). „Die gegenwärtige Diskussion um Flüchtlinge fokussiert sich meist viel zu sehr auf die Kosten, die der Staat aufwenden muss, um die Menschen die hier ankommen, zu unterstützen. Das ist zu kurz gedacht“, kritisiert DIW-Präsident Marcel Fratzscher. „Selbst wenn viele Flüchtlinge aufgrund fehlender Qualifikationen kurzfristig vergleichsweise schlechte Aussichten am Arbeitsmarkt haben und diejenigen, die den Weg in eine Beschäftigung finden, oftmals unterdurchschnittlich produktiv sind, werden langfristig die positiven wirtschaftlichen Impulse für Deutschland die Kosten übertreffen.“

Flüchtlinge steigern die Konsumnachfrage
Um ihre Berechnungen durchzuführen, haben Marcel Fratzscher und Simon Junker verschiedene Annahmen zugrunde gelegt. Dazu zählen unter anderem die Zahl der zu erwartenden Migranten, Alter und Erwerbsfähigkeit sowie das Maß ihrer Qualifikation. Neben einem Basisszenario skizzieren die beiden Autoren des Berichts ein optimistischeres und ein pessimistischeres Szenario. Am Ende übersteigt jedoch in allen drei Fällen der Gewinn die anfänglichen Kosten. „Diejenigen Flüchtlinge, die Arbeit finden, stimulieren die Wirtschaft“, so DIW-Präsident Fratzscher. „Sie stärken die Angebotsseite, auch indem sie zum Erfolg und den Erträgen der Unternehmen beitragen, und erhöhen gleichzeitig die Nachfrage. Indem sie selbst zu Konsumenten werden, tragen sie zu mehr Investitionen und höheren Einkommen für andere private Haushalte bei.“ Insgesamt wird also das Wirtschaftswachstum steigen, die Frage ist nur, ab wann dies der Fall sein wird.

Positive Effekte spätestens nach gut zehn Jahren
Während am Anfang klar die Kosten für den Steuerzahler überwiegen, wird dieser laut Simulation längerfristig profitieren. „Selbst im von uns angenommenen pessimistischen Szenario erhöht sich das Pro-Kopf-Einkommen der bereits in Deutschland lebenden Menschen nach gut zehn Jahren. Im günstigeren Fall kann sich der positive Effekt sogar rascher einstellen, möglicherweise bereits nach vier bis fünf Jahren“, sagt Simon Junker, stellvertretender Leiter der Abteilung Konjunkturpolitik am DIW Berlin. „Gelingt es, auch nur einen Teil der Flüchtlinge in den Arbeitsmarkt zu integrieren, zahlt sich die Investition aus.“

Szenario-Analyse: Integration von Flüchtlingen - Annahmen

Die zentrale Frage ist daher nicht, ob die Flüchtlinge langfristig einen wirtschaftlichen Nutzen für Deutschland bedeuten, sondern lediglich, wie schnell die Leistungen der Flüchtlinge die zusätzlichen Ausgaben übertreffen. Denn auch wenn die Integration in den Arbeitsmarkt langsamer verlaufen sollte als erhofft, so werden die Flüchtlinge langfristig einen positiven wirtschaftlichen Beitrag für Deutschland leisten. Mehr noch: Auch die bereits in Deutschland lebenden Bürger werden langfristig von der Zuwanderung profitieren und ein höheres Pro-Kopf-Einkommen erzielen.

Ohne Zweifel sind mit der großen Zahl von Flüchtlingen auch beachtliche Risiken verbunden: Kaum abzu­sehen ist derzeit, in welchem Maße der Arbeitsmarkt insbesondere Geringqualifizierte aufnehmen kann. Zudem muss betont werden, dass es sich bei dem Bericht um Simulationen handelt, die Möglichkeiten und Grenzen aufzeigen, und nicht um Prognosen, die versuchen, die Zukunft vorherzusagen.


Download Szenarioberechnungen [XLSX, 167 KB]
Szenarioberechnungen im Einzelnen mit zugrunde liegenden Daten und Annahmen

Download DIW Wochenbericht 45/2015 [PDF, 7Seiten - 142 KB]
http://www.diw.de/documents/publikationen/73/diw_01.c.518252.de/15-45-4.pdf


Zur Studie
Ausgangspunkt der Berechnungen ist die Zahl der nach Deutschland kommenden Asylbewerber. Die offiziell veranschlagte Zahl – derzeit geht die Bundesregierung von 800.000 Flüchtlingen im Jahr 2015 aus  – dürfte aufgrund der jüngst stark gestiegenen Flüchtlingszahlen deutlich zu niedrig sein. Medienberichten zufolge rechnen die Ministerien intern bereits mit 1,5 Millionen Flüchtlingen in diesem Jahr. Diese Zahl erscheint vor dem Hintergrund der aktuell vorliegenden Informationen plausibel. Sie ergibt sich etwa, wenn für die Monate Oktober bis Dezember ebenso hohe Zugänge wie im September unterstellt werden: So haben im Zeitraum von Januar bis September in diesem Jahr 303.443 Menschen einen Asylantrag gestellt, hinzu kommen weitere 577.307 Menschen, die bereits nach Deutschland eingereist sind und beabsichtigen, einen Antrag zu stellen.

Im September beliefen sich die Asylanträge auf 43.071, die Zahl der beim Bundesamt für Migration und Flüchtlinge darüber hinaus im Rahmen des Systems zur Erstverteilung der Asylbegehrenden (EASY) erfassten Personen belief sich auf 163.772. In diesem Bericht wird eine f lüchtlingsbedingte Migration von 1,5 Millionen Menschen in diesem sowie im kommenden Jahr zugrunde gelegt; zudem wird davon ausgegangen, dass sie mit 750.000 Menschen auch im darauffolgenden Jahr hoch bleibt und erst ab 2018 wieder etwas geringer ausfällt. Für die Jahre 2018 bis 2020 wird jeweils eine Flüchtlingsmigration von 500.000 Menschen angenommen, anschließend wird keine weitere Flüchtlingsmigration unterstellt.

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3 Kommentare

Gutes Buch über europäische Wirtschaftsgeschichte

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Ist zwar auf englisch, aber das Wichtigste ist drin. Allerdings auf englisch: Global Economic History: A Very Short Introduction (Oxford)

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